„Wenns passt, nur geha“

Hartinger

In Heimschuh hatten wir das Vergnügen, uns mit Frau Ida Hartinger, geboren 1920, zu unterhalten. Sie erzählt uns jene kleine Geschichte, die ihr Leben ausmacht, und wie sie in schwierigen Zeiten dank ihres Fleißes und der Ratschläge ihres Onkels den richtigen Weg für sich fand.

 

Ich wurde am 1. April 1920 als erstes von vier Kindern in Unterfahrenbach auf der Wirtschaft Kumpfmüller geboren. Ich hatte drei Brüder, meine Eltern arbeiteten in der Landwirtschaft mit zwei Weingärten, einem in Schönegg und einem in Fahrenbach. Mein Großvater war gelernter Müller und so stellte die Mühle auch einen wichtigen Teil unseres Einkommens dar. Neben dem Mahlen von Getreide wurde bei uns auch Kürbiskernöl gepresst. Ich hatte keine schöne Kindheit und das alles hing auch unmittelbar damit zusammen, dass meine Mutter krank war. Es begann damit, ich war noch ein kleines Kind, dass bei uns am Hof ein Rindvieh krank wurde. Der Bauernschmidt aus Heimschuh war ein Spezialist, wenn es um Viehkrankheiten ging, und dieser wurde geholt. Ich weiß zwar nicht mehr warum, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich im Mühlenstüberl am Abend schlafen gelegt und wollte dann doch in der Nacht heimgehen. Es war Winter und in der Finsternis ist er vom Weg abgekommen, in die Sulm gefallen und dort, an Sträucher geklammert, erfroren. Am nächsten Morgen sind die Leute alle schauen gegangen, so auch meine Mutter. Dabei hat sie sich so verkühlt, dass sie die Grippe bekommen hat und von da an halbseitig gelähmt blieb. Wenn sie ging, hat sie sich dermaßen verkrampft, dass sie immer wieder hingefallen ist, und so blieben fortan viele ihrer Arbeiten an mir, dem ältesten Kind, hängen. Meine Mutter war eine große Verehrerin der Mutter Gottes vom Frauenberg. Mehrmals im Jahr hat mein Bruder Franz sie zu Fuß nach Frauenberg geführt und obwohl es für sie eine unsagbare Anstrengung war und viele Schmerzen bedeutete, hat dies bei ihr sehr viel gegolten.

Ich hatte drei Tanten und wenn diese wenigstens dafür gesorgt hätten, dass ich was Anständiges zum Anziehen gehabt hätte, wäre ich in meiner Kindheit schon viel zufriedener gewesen. Unsere Schneiderin war die „Schneiderpeterin“ und zu meiner Verzweiflung hat diese alle meine Kleider immer bodenlang genäht, die Kinder damals trugen aber knielang.

 

Ich kann mich noch heute gut an die größte Peinlichkeit meiner Schulzeit erinnern. Damals trugen wir Dirndln immer eine Schürze über unserem Kleid, auch wenn wir zur Schule gingen. Das bot mir Tag für Tag die Möglichkeit, mein langes Kleid mit einem Bürtel hochzubinden, so dass es unter der Schürze gar nicht auffiel, wie unmodern ich eigentlich daherkam. Eines Tages, es war ein Dienstag, musste die ganze Klasse zu den Bitttagen nach Leibnitz gehen und von dort wurde auf dem Frauenberg gebetet. Ich weiß nicht mehr, warum wir die Schürzen weggeben mussten, aber für mich wurde dieser Tag zum schlimmsten meiner Schulzeit. Natürlich hatte ich mein „Schneiderpeterin-Kleid“ an und mangels Schürze hat es seine volle Länge entfaltet. Ich habe mich so geschämt, dass ich mich weder links noch rechts zu schauen traute. Zur Schule sind wir im Winter mit Holzschuhen (Zoagln) gegangen und im Sommer barfuss. Früher waren die Winter viel kälter als heute, wir sind immer über gefrorenen Schnee gegangen und es hat geglitzert vor lauter Kälte. Einmal war da ein verschneiter Staudenhaufen und ich konnte an diesem nicht vorbeigehen, sondern musste vor lauter Übermut über den Haufen steigen. Da versank mein Zoagl zuerst im Schnee und dann zwischen den Stauden und ward nicht mehr gesehen. So musste ich an diesem Tag barfuss durch den Schnee in die Schule und natürlich auch wieder heim. In der Schule lernte ich gut; als mein Herr Oberlehrer mir in der letzten Klasse das Zeugnis gab, sagte er, ich könnte Lehrerin werden, doch dies war unmöglich, weil ja meine Mutter krank war.

 

 

 

Nach der Schule ging es mir mit meiner Bekleidung schon besser. In der Grazergasse gab es ein Geschäft, da konnte man Stoffe aussuchen und eine Schneiderei war dabei, wo diese gleich vernäht wurden. Ich war so glücklich, dass ich ein Kleid hatte, wie alle anderen Mädchen auch. Seit Mutters Erkrankung lag es an mir, viele Arbeiten im Haus zu verrichten. Besonders anstrengend war es immer, wenn Vater und unsere Helfer in den Weingärten arbeiteten. Da musste ich das Essen nachtragen und Töpfe, Schüsseln und alles, was sonst gebraucht wurde, in einem Korb auf meinem Kopf dahinschleppen.

 

Mein Onkel war Priester und ein sehr gescheiter Mann. Prof. Dr. Dr. Franz Sauer ist öfter zu uns auf Besuch gekommen und immer wieder gab er mir gute Ratschläge. Sein Lob für meine Arbeit war für mich Ansporn zum Fleißig Sein. Ich erinnere mich auch, dass uns die Großmutter einmal besuchte und Vater sich bei ihr beschwerte, dass ich soviel Zeit mit meinen Blumen verschwende. Da hat die Großmutter gesagt, eine Freud muss ein Mädel haben, entweder sind es die Blumen oder die Buam. Da waren Vater dann doch die Blumen lieber. Ein besonders ehrenvoller Tag war die Priesterweihe meines Onkels, diese fand in Großklein statt und ich war eine seiner „Kranzl-Jungfrauen“. Bereits Tage vorher war mir schlecht und in der Nacht davor habe ich mich gleich mehrmals übergeben. Meine Tante Agnes meinte, ich sei vor der Primizfeier mehr nervös als der Onkel selber. Dann begann auch schon der Krieg und viele aus unserer Familie mussten einrücken, so auch mein Bruder. Mutter machte sich ständig Sorgen um ihn und eines Tages schrieb er ihr in einem Brief, dass sie beruhigt sein kann, denn wenn vier Vierer zusammenkommen, dann ist der Krieg aus. Mutter freute sich über diese seine Nachricht und wartete gespannt auf den 4.4.1944. Vom Kriegsende war nicht viel zu bemerken, doch bekamen wir die Nachricht, dass mein Bruder an genau diesem Tag gefallen ist. Woher er seine Vorahnung nahm oder ob es einfach nur Zufall war, werden wir wohl nie erfahren. Wir alle waren von diesem Schicksalsschlag schwer getroffen, doch das Leben musste weitergehen.

 

Im Februar 1947 habe ich dann geheiratet und bin hierher zu meinem Mann auf die Wirtschaft gezogen. Anfangs wollte ich nicht wegen der Krankheit meiner Mutter und wieder war es mein Onkel Franz, der mir mit Rat zur Seite stand. „Wenns passt, nur geha“, sagte er mir und so gründete ich meine eigene Familie. Heute freue ich mich, wenn meine Kinder, Enkel und Urenkel mich besuchen. Die Blumen sind noch immer meine Leidenschaft und auch das Schreiben von Briefen und Karten. Das wird hoffentlich auch so bleiben, denn wie meine Großmutter schon sagte: „A Freud muss ein Mädl haben“.

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