„Votas Zeiten“

Trobi-Strohmeier

In Oberfahrenbach erzählte mir Erwin Strohmeier, der Seniorchef des Buschenschanks Trobi, seine Erinnerungen an Votas Zeiten. Wir sprachen über den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten 60 Jahre, darüber, wie er dies als Kind erlebt hat und welchen Beitrag er dazu leistete.

 

„Wir waren eine Großfamilie und ich das mittlere von sieben Kindern“, begann Erwin seine Geschichte. „Unsere Wirtschaft gehörte zu den größeren hier am Berg und dementsprechend viel gab es auch über das Jahr zu tun. Wir waren reine Selbstversorger und auch Magd und Knecht waren bei uns am Hof. Schon als Kinder hatten wir unsere zugeteilten Aufgaben. So mussten wir mit dem Vieh und für das Vieh arbeiten, Mais, Kürbis und Erdäpfel anbauen und hauen, das Heu ernten, die Schweine füttern und vieles mehr. All dies war für uns ganz selbstverständlich, denn wenn wir nach anderthalb Stunden Schulweg nach Hause kamen, wartete nicht nur das Essen auf uns, sondern auch die Arbeit. Die Hausaufgaben wurden am Abend erledigt und auch für das miteinander Spielen blieb immer genug Zeit übrig. Dies alles passierte aber nicht nur bei meinem Heimathaus, sondern zeitweise auch in Heimschuh.

Da die Arbeit auf den Bergen eine ordentliche Schinderei war, entschloss sich mein Vater im Jahre 1954, eine kleinere Wirtschaft auf der „Ebʼn“ (im Tal) zuzukaufen und so landeten wir bei der Kumpfmühle in Heimschuh. Unser Hof hier am Berg wurde verpachtet; das einzige, was sich Vater zurückbehielt, war ca. ein Hektar Weingarten, den er selber weiter bearbeitete. Das war eine große Umstellung für uns alle und besonders wir Kinder, damals waren wir schon zu viert, erlebten unsere ersten Abenteuer mit Wasser, da die Sulm nur wenige Meter vom Hof entfernt vorbeifloss. Für uns war der Fluss ein Segen, konnten wir hier doch spielen, schwimmen und fischen, doch für unsere Wirtschaft wurde er mehrmals im Jahr zum Fluch. Die Sulm war damals noch nicht reguliert und bei jedem länger anhaltenden Regen trat sie über die Ufer und setzte unseren Hof unter Wasser. Auch das war für uns ein Spaß, denn wir holten uns die Brotmuldern (längliche Holzwannen zum Abkneten des Brotteiges) und funktionierten diese kurzerhand zu Ruderbooten um. Was für ein Abenteuer! Mitten im Hof kutschierten wir mit unseren „Schinageln“ herum und hatten unsere helle Freude mit jeder Überflutung. Für unsere Eltern und die Tiere waren diese Wasserspiele weit weniger lustig. Wenn wir es übersahen, stand unser Hauskeller bereits unter Wasser, und ich erinnere mich noch gut daran, wie wir mit einem Rechen die schwimmenden Brotlaibe zusammenfingen und in die Küche brachten. Wir wussten nicht, was wir dort unten lagern sollten, denn weder Rüben noch Erdäpfel noch sonst irgendetwas hielt sich bei diesen ständigen Überschwemmungen. Auch unsere Tiere, Ochsen, Kühe und Pferde, standen zeitweise bis zum Bauch im Hochwasser und wenn alles wieder vorbei war und die Wände langsam trocken wurden, kam schon die nächste Flut.

 

Aber unsere wirklich schweren Zeiten sollten erst folgen. Vater hatte ein Motorrad und als er sich eines Tage damit aufmachte, um unseren Weingarten in Oberfahrenbach zu spritzen, kam er zu Sturz. Ein komplizierter Bruch des Oberschenkelknochens und mehrere kleine Brüche sorgten dafür, dass er die nächsten acht Monate mit aufgehängtem Bein im Krankenhaus verbrachte. Für die Mutter begann ein Martyrium – die viele Arbeit, laufend Hochwasser, vier kleine Kinder und das fünfte gerade geboren. Nur mit Mühʼ und Not überstanden wir diese Zeit und Mutter hatte vom Leben auf der Ebene endgültig genug. Als dann auch noch Tiere krank wurden und ein Pferd sogar starb, entschlossen sich unsere Eltern nach drei Jahren wieder zurück auf den Berg zu ziehen und verkauften die Wirtschaft Kumpfmüller an unseren Pächter.

 

Wieder zurück beim Trobi begann Vater, langsam unsere Wirtschaft umzubauen und immer stärker auf den Weinanbau zu setzen. Dies alles war nur möglich, weil wir eine große Familie waren und der Zusammenhalt da war, um diese Aufgaben zu bewältigen. Man muss sich vor Augen halten, dass es damals keine ordentlichen Wege, geschweige denn Straßen gab und jeder Zentimeter im Weingarten von Hand bearbeitet wurde. Vater war ein Visionär und erkannte schon damals, dass der Wein und unsere schöne Landschaft ein großes Potenzial haben; so eröffneten wir 1963 einen Buschenschank. Als Gastraum dienten unsere Küche und eine angebaute Stube.

 

Die Arbeiten passierten noch großteils ohne maschinelle Hilfe. Die Weingärten wurden mit der Sense ausgemäht, erst später kam der erste Motormäher, wobei auch das körperliche Schwerstarbeit bedeutete. War es zum Weingartenspritzen, reichte der Vormittag aus, um vom Schlauchziehen und dem ständigen Hinauf und Hinunter in unseren steilen Lagen dermaßen erschöpft zu sein, dass der Nachmittag zum Rasten gebraucht wurde. Bei der Ernte wurde jede einzelne Traube den steilen Hang in Butten heraufgetragen und auch die Arbeit mit unserer Baumpresse war anstrengend und mühsam.

 

Langsam aber stetig entwickelte sich der ganze Betrieb weiter und wir Kinder wuchsen im Bewusstsein jener Werte auf, die uns unsere Eltern schon in frühen Jahren vermittelt hatten. Familie, Gemeinschaft und die Wertschätzung für das, was die Natur uns schenkt, lebten auch weiter, als ich unseren Betrieb übernehmen durfte. Was meine Eltern geschaffen haben, wurde von mir, meiner Gattin Frida und unseren Kindern weitergetragen, erneuert und dem Zeitgeist angepasst. Bis ins hohe Alter sind Vater und Mutter noch gerne im Buschenschank gesessen und haben sich mit unseren Gästen unterhalten. Die eine oder andere Anekdote aus ihrer Jugendzeit kam dabei sicherlich nicht zu kurz und so, wie sie damals mit Stolz auf unsere Arbeit schauten, so schaue ich heute mit Freude auf die Leistungen der nächsten Generation, die mit Liebe und Fleiß jenes Erbe weiterträgt, für das meine Eltern 1963 den Grundstein legten.“

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