Geschichten vom Altenbacherhof

Kellergang beim Altenbacher

Am Eingang zur Altenbachklamm, in der Gemeinde Oberhaag, durfte ich mich mit Johann Stelzl, geboren 1952, dem Altenbacher Hans, über einige seiner Kindheitserinnerungen an seinen Stiefvater Franz Stelzl und auch darüber, wie einige seiner Geschichten das Leben von Hans prägten, unterhalten.

 

Geboren wurde ich in Oberfahrenbach, aber weil Vater und Mutter sich trennten, kam ich samt Mutter und meinen Geschwistern im Alter von vier Jahren hierher zum Altenbacher. Über Vermittlung des Viehhändlers vulgo Ligot fanden meine Eltern zueinander und was für beide als Zweckehe begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer echten und innigen Liebe.

 

Mein Vater, ich nannte meinen Stiefvater immer so, war ein großer Bauer, aber auch ein begnadeter Koch. Oft erzählte er mir, dass er am liebsten Koch gelernt hätte, dies aber zur damaligen Zeit (er wurde 1909 geboren) für einen Bauernsohn undenkbar war, denn seine Bestimmung war der Hof. Von klein auf litt er an einem Herzleiden und obwohl er ein sehr fleißiger Mann war, musste er mit seinen Kräften sehr haushalten. Seine große Leidenschaft war das Erzählen von Geschichten und stundenlang lauschten wir Kinder seinen Erzählungen. Aber auch sein Leben war voll von kleinen Geschichten; einige davon sind mir nur allzu gut in Erinnerung geblieben.

Vater musste auf Grund seines Herzleidens nicht einrücken, aber trotzdem machte er während und vor allem nach der Kriegszeit sehr viel mit. Ständige Überfälle von Partisanen ließen ihn und alle anderen am Hof in Angst leben und weil er das Versteck von Lebensmitteln nicht preisgab, wurde er von solchen Banditen dermaßen verletzt, dass er für den Rest seines Lebens gestraft war. Ich erinnere mich noch an das Jahr 1966. Die Kirche von St. Pongratzen war frisch renoviert und wurde mit einem großen Fest neu eingeweiht. Ich durfte Vater als 14-Jähriger auf diesem Kirchgang begleiten. Tausende von Menschen strömten hinauf, sowohl von der österreichischen als auch von der damals jugoslawischen Seite. Es wurde gebetet und gefeiert, als Vater plötzlich ruhig wurde und mit seinem Blick eine großgewachsene Frau fixierte. Rasch erzählte er mir, dass er diese Frau wiedererkenne. Sie war eine Partisanenfrau, die mit den Soldaten bei uns am Hof war und aussuchte, was diese für sie mitnehmen sollten. Neben anderen Utensilien gehörte auch ein Volksempfänger, das war ein frühes Radiogerät, dazu. Er sagte mir, ich solle mich vor sie hinstellen falls sie flüchtet, denn er will sie zur Rede stellen. Also stellte ich mich mit einer Hose voll Mut hinter die Frau und Vater sprach sie an. Er grüßte sie freundlich, packte sie an den Schultern, sah ihr tief in die Augen und meinte: „Du woast wer i bin und du woast a wos gschechʼn is. Zollst an Lita Wein und mir san wieda im Reinen“. Die Frau war zutiefst erschüttert und ich bekam noch mehr Angst, aber Vater nahm mich, zog mich zu einem Tisch und wir setzten uns hin. Einige Zeit später kam die Frau mit zwei Litern Wein daher, entschuldigte und bedankte sich beim Vater und er hat ihr vergeben.

 

So war er eben, es ging ihm weniger um den Wert als vielmehr um die Einsicht und das machte ihn zu einem großen Menschen. Gerne erzählte er in unserem Buschenschank auch die Geschichte von der weißen Frau in der Klamm. Diese Erzählung besagt, dass eine weiße Frau in der Altenbachklamm lebt, die immer wieder dafür sorgt, dass den Menschen Schutz, Gerechtigkeit oder Strafe widerfährt. Die letzte Begebenheit mit ihr berichtet von einem unfolgsamen Jungen, der am Altenbacherhof lebte und mehr zu Streichen und zur Faulheit aufgelegt war als zur Arbeit. Die weiße Frau hielt den Bengel für drei Tage fest, ließ ihn schwer arbeiten und ermahnte ihn immer wieder zu einem ordentlichen und fleißigen Leben. Nach diesen Tagen ließ sie ihn wieder frei und er änderte seinen Lebenswandel. Oft glaubten die Zuhörer, dass diese Geschichte frei erfunden ist, doch Vater kannte jenen Jungen, den die weiße Frau in ihrer Gewalt hatte, war er doch sein Onkel. Ebenso gerne erzählte er des Abends auch Geistergeschichten, am allerliebsten jene, bei denen er in jungen Jahren dem „höllen Tod“ beim Altenbacher Kreuz, dort wo heute unsere Kapelle steht, begegnet ist und wenn seine Erzählung belächelt wurde, so packte ihn der Grant, denn diese Geschichte mit dem kopflosen Mann sei ihm in jener Nacht wirklich passiert.

 

Am schönsten waren aber seine Geschichten rund um das Kochen. Einerseits wurde er wegen seiner Leidenschaft belächelt, denn es geziemte sich in jener Zeit für einen Bauern nicht zu kochen, andererseits liebten aber alle seine Speisen und selbst die Jäger brachten ihm ihr Wild, denn nirgendwo schmeckte es so gut wie beim Altenbacher Franzl. Eines Tages kamen schon früh Gäste zu uns herauf, die Vater auftrugen, den Herd einzuheizen, denn beim Nachbarn gab es ein Rindfleisch zu kaufen und sie würden sich sehr freuen, wenn er ihnen dieses kochen würde. Vater tat wie ihm geheißen, heizte unseren Herd an und stellte einen großen Topf Wasser auf. Seine Kräuter holte er immer frisch aus unserem Garten und gerade damit erzeugte er einen wunderbaren Geschmack. Als nun die Gäste das Stück Fleisch brachten, kam es gleich in den Topf und sie setzten sich in der Zwischenzeit an den Tisch und bestellten einen Wein. Die Zeit verging und als mittags der erste Korb voll Holz verbraucht war, meinte Vater, dass es wohl noch etwas länger dauern würde. Der zweite Korb landete im Herd und langsam aber sicher wurden unsere Gäste, mangels des ersehnten Rindfleisches, immer rauschiger. Zwischenzeitlich schnitt Vater ein paar Hauswürste auf und servierte einige Verhackertbrote, damit die Wartenden nicht eher vom Wein weich würden als das Rindfleisch vom Kochen. Nach sechs Stunden und drei Körben voll Holz reichte es Vater endgültig und er verkündete der Gesellschaft, dass dieses zähe Leder unmöglich zum Weichkochen ist. Was er nicht wusste war, dass der Nachbar das Rind erst am Morgen geschlachtet hatte und das Fleisch einfach noch viel zu frisch war, um es verarbeiten zu können. Die Gäste gaben natürlich dem armen Bauern die Schuld und ertränkten ihren Frust und ihren Hunger mit unserem Wein.

 

Solche Geschichten begleiten mich mein ganzes Leben lang. Wer am Eingang zur Altenbachklamm leben und arbeiten darf, kann, unter den wachsamen Augen der weißen Frau, auch so einiges erleben und erzählen. So hat es mein Vater schon gemacht und diese Tradition führe auch ich bei unseren Gästen gerne fort. Denn zu erzählen gibt es immer was.

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