Gearbeitet, gespart und gebetet.

Spinnrad

Viele Dinge begleiten uns ein Leben lang, manche geraten zwischenzeitlich in Vergessenheit und werden oft Jahrzehnte später wiederentdeckt. Eine solche Geschichte erzählte uns Frau Ludmilla Stiegler, geboren 1936, aus Haslach. Für sie wurde aus einer früheren Notwendigkeit, dem Spinnen der Wolle, Jahre später eine vielgeliebte Freizeitbeschäftigung.

 

Ich wurde in Untergreith geboren und war das letzte von acht Kindern, beginnt Frau Stiegler ihre Erzählung. Wir hatten einen großen Bauernhof mit rund 50 Joch, aber da beinahe alles eine Riegelwirtschaft war und wir nur knapp 5 Joch auf der Ebene hatten, musste hart gearbeitet werden, um das Lebensnotwendige zu erwirtschaften. Sieben Brüder gingen mir voraus und als dann ich das Licht der Welt erblickte, war die Freude bei meinen Eltern über ihr erstes Mädchen groß. So groß, wie manche behaupten, dass Vater nahe unserem Hof eine kleine Kapelle errichtete. Als ich drei Jahre alt war, begann der Krieg und Vater musste zur Grenzwache einrücken. Nach rund einem Jahr zog er sich im Dienst solche Erfrierungen an beiden Beinen zu, dass er, durch die Frostbeulen, in keinen Schuh mehr hinein passte und so wurde er freigestellt und nach Hause geschickt.

Im Jahre 1942 begann die Schule für mich und genau in diesem Jahr gab es einen der kältesten Winter des ganzen Jahrhunderts. Der Krieg sorgte dafür, dass man nichts mehr einkaufen konnte und so waren wir gezwungen, viele Kleidungsstücke aus unserer eigenen Schafwolle herzustellen. Ein Jahr später wurde mein erster Bruder zur Wehrmacht eingezogen und 1943 kamen zwei weitere an die Front. Das Leben war nicht einfach für uns, da die ständige Sorge um die eingerückten Brüder und die Notwendigkeit, unser Überleben zu sichern, ständige Begleiter waren. Im April 1944 erkrankte Vater schwer. Fieber und Schmerzen wurden immer schlimmer und kein Arzt war weit und breit aufzutreiben. Es war der 20. April – Hitlers Geburtstag – und so hatten alle einen Feiertag. Als am nächsten Tag endlich ein Doktor kam, stellte er eine schwere Lungen- und Rippenfellentzündung fest und wenige Tage danach ist Vater im Alter von nur 43 Jahren verstorben. Samstag war sein Begräbnis und am darauf folgenden Sonntag hatte ich meine Erstkommunion. Dieser Tag war nicht einfach für mich: Was ein Festtag sein sollte, wurde zum Trauertag und ebenso traurig verging er auch und trotzdem oder vielleicht gerade wegen des Todes meines Vaters, fühlte ich mich, nachdem ich meine erste Kommunion empfangen hatte, irgendwie von Gott gestärkt. Ein Jahr darauf hieß es endlich „Krieg aus“, aber was für uns alle eine Erlösung sein hätte sollen, machte anfangs alles nur noch schlimmer. Die fremden Soldaten, die durch unser Land zogen, machten uns große Angst und alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde mitgenommen. Auch die jungen Mädchen mussten sich verstecken, damit ihnen von den Soldaten kein Schaden zugefügt wurde. Vier von ihnen verbrachten einige Nächte in unserem Kapellenturm. Später kamen die Partisanen und auch uns wurden sämtliche Pferde genommen. Die jungen Ferkel schlachteten sie am Hof, ebenso wie unsere schönste Kalbin, die hochträchtig war. Das Fleisch wurde mitgenommen, ebenso wie alle vollen Fässer aus unserem Keller. Was nicht zu gebrauchen war, wie die Innereien, blieb einfach am Hof liegen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie eines Nachts rund 400 Mann bei uns anrückten. Mutter und meine älteren Geschwister mussten mit erhobenen Händen dastehen, wir Kleineren hatten still auf einer Decke mitten im Hof zu sitzen und wir allesamt mussten zusehen, wie auch noch die letzten Gegenstände und Nahrungsmittel von der Wirtschaft wegkamen. Zum Glück hatten wir in kluger Voraussicht einige Lebensmittel eingegraben oder im Glockenturm versteckt, sonst hätten wir die nächsten Tage nichts mehr zu essen gehabt.

 

Wir hatten in dieser Zeit kaum etwas zum Anziehen, geschweige denn ordentliches Schuhwerk. Zum Glück gab es bei uns am Hof ein paar Schafe, die von den Soldaten übersehen wurden, und so nutzten wir deren Wolle. Bereits mit neun Jahren erlernte ich das Spinnen und unsere Mutter saß ebenfalls oft bis spät in die Nacht über ihrem Spinnrad. Da wir noch keinen Strom hatten und Petroleum für die Lampen zu teuer war, ließ sie einfach oft das Türl vom Herd offen und arbeitete im Schein des Feuers an ihrer Wolle.

 

Später konnten wir dann Wolle auch schon gegen Stoffe und Decken bei der Wollfabrik Frauental eintauschen. Diese Stoffe wurden von einem Störschneider bei uns am Hof mit einer alten Nähmaschine zu Kleidungsstücken verarbeitet.

 

Langsam ging es wieder bergauf. Auf unseren Feldern bauten wir Flachs, den Haarlein wie wir in nannten, an. Dieser musste besonders sorgfältig geerntet werden, brauchten wir doch den Leinsamen für gesundheitliche Zwecke bei Mensch und Tier. Besonders das Leinöl war sehr wertvoll, da es vom Reizhusten bis zu Abszessen alles kurierte. Das Stroh wurde sorgsam zusammengetragen, ehe es zum Brecheln kam. Im Brechelofen wurde es vorgewärmt und dann so lange bearbeitet, bis die feinen Leinfasern extrahiert waren. Die Fasern wurden gesponnen, verkauft und dann in Fabriken verwebt. Leinentücher, Hosten, Trachtenjanker und vieles mehr wurde aus diesem wertvollen Material hergestellt. Mein Bruder Franz kam aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause und das Leben begann wieder in geordneten Bahnen zu verlaufen. Wir alle auf unserem Hof haben über Jahre gemeinsam gearbeitet, gemeinsam gespart und gemeinsam gebetet. Das gab uns allen Kraft und sorgte dafür, dass es uns einigermaßen gut ging.

 

Im Jahre 1957 durfte ich die Haushaltungsschule am Grottenhof besuchen und danach arbeitete ich einige Jahre in einem Grazer Schülerheim, wo ich für 200 Schüler das Brot gebacken habe. Im Jahre 1960 haben wir geheiratet und ich bin zu meinem Mann nach Haslach gezogen. Wir bearbeiteten unseren Bauernhof und weil man wieder alles kaufen konnte, verschwand das Spinnrad am Dachboden und gestrickt wurde nur mehr mit gekaufter Wolle. Wir mussten viel arbeiten, die Kinder wuchsen heran und gemeinsam schufen wir uns eine gute Lebensgrundlage. An meinem sechzigsten Geburtstag hatten unsere Kinder die Idee, mir ein Spinnrad und die dazugehörige Wolle zu schenken und so bin ich seit 1996 wieder fleißig am Spinnen und auch am Stricken. Was früher einmal Lebensgrundlage für unsere Familie war, ist heute eine willkommene Freizeitbeschäftigung für mich geworden. Dieses Spinnrad ist mein meistgebrauchtes Geburtstagsgeschenk und so wird es auch bleiben, solange meine Gesundheit es mir erlaubt. Wir haben auch noch ein zweites, ein Jahrhunderte altes Spinnrad, aber damit arbeite ich nicht, sondern dieses Schmuckstück dient mir zum Gedenken an unsere Vorfahren. Wie viele Menschen damit gearbeitet haben oder wie viele Kilometer Wolle damit gesponnen wurden, kann heute niemand mehr sagen. Und doch sehe ich es als ein Symbol für die Leistungen unserer Ahnen.

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