„Die Ross san hin“.

 

Strafmildernd wegen Trunkenheit.

„Die Ross san hin“.

Es gibt Ereignisse im Leben, die sich in unser Gedächtnis einprägen und uns ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Freude, Trauer oder wie in unserem Fall ein Schock können die Auslöser für diese Dinge sein. Herr Johann Orell, geb. 1931, erinnert sich heute noch an eine Begebenheit in seiner Kindheit, die für ihn unvergessen geblieben ist.

 

„Meine frühe Kindheit verbrachte ich in Wagna“, beginnt Herr Orell seine Erzählung. „Und dort ereignete sich auch jene Begebenheit, die ich heute noch genauso vor mir sehe wie anno dazumal, als ich sie erlebt habe. Ich war damals gerade in die erste Klasse der Volksschule gekommen. Wir hatten ein Haus in Wagna und meine Mutter betrieb ein kleines Lebensmittelgeschäft vor der Landschabrücke. Es war ein richtiger kleiner Greislerladen, in dem man alles kaufen konnte, was man zur damaligen Zeit im Alltagsleben so brauchte. Neben der Greislerei befand sich das Gasthaus Meier, welches damals ein beliebtes Einkehrgasthaus für Fuhrwerker auf ihrem Weg Richtung Süden war. Die Straßen waren damals noch nicht asphaltiert und die Landschabrücke aus Holz. Für mich war es immer ein Erlebnis, nach der Schule bei Mutter im Geschäft zu sein. Viel gab es da zu tun, war doch die heutige B67 schon damals eine wichtige Handels- und Reisestraße. Es war auch jene Zeit, in der sich der Verkehr langsam zu wandeln begann. Viele Fuhrwerke waren noch auf der Straße zu sehen, aber auch immer mehr Lastkraftwagen wurden zum Warentransport verwendet. Und so ein LKW war es auch, der eine zentrale Rolle in meiner Erinnerung spielt.

An jenem Tag spielte und tollte ich vor unserem Geschäft herum. Ein Fuhrwerker mit seinem Pferdegespann und einem ordentlichen Wagen dahinter lenkte beim Gasthaus Meier ein um Rast zu machen. Das Fuhrwerk mit samt den Pferden blieb vor dem Haus stehen und der gute Mann begab sich nach drinnen. Kurz darauf näherte sich aus Süden kommend ein Lastwagen. Er donnerte über die Landschabrücke und anstatt auf der Straße zu bleiben, donnerte er in voller Fahrt in das dort stehende Fuhrwerk. Der fürchterliche Lärm des Zusammenstoßes riss nicht nur mich aus meinem Spiel sondern auch alle Leute im Gasthaus und in der Nachbarschaft aus ihren jeweiligen Beschäftigungen. Mit voller Wucht hatte der Lastwagen sowohl die beiden Pferde wie auch den Anhänger gerammt. Die Tiere lagen auf der Seite und hunderte Holzsplitter von Wagen und Rädern verstreut umher. Der Schock war allen anwesenden einschließlich mir selbst ins Gesicht geschrieben. Viele Leute liefen zusammen und rangen sich um den Schauplatz. Der Fahrer stieg kreidebleich aus seinem LKW aus und relativ rasch war klar, dass dieser einen ordentlichen Rausch hatte. „Die Ross san hin“, hörte ich jemanden sagen. Es wurde geredet und geschrieen, alles ging darunter und darüber, bis sich dann irgendjemand aufmachte die Polizei zu holen. Zum Glück wurden keine Menschen verletzt, aber die beiden toten Pferde taten mir unendlich leid. Irgendwann später kam endlich ein Polizist mit dem Fahrrad an und es wurde alles aufgenommen und auch die Zeugen befragt.

 

Einige Wochen später kam es dann vor Ort zu einer Verhandlung. Der Richter fuhr bereits mit einem Auto vor und alle Zeugen, so auch ich, mussten das Gesehene nochmals erzählen. Natürlich erhielt der betrunkene Lastwagenfahrer eine Strafe, aber diese fiel sehr milde aus. Seine Trunkenheit wurde damals nämlich noch als strafmildernd gewertet. Erst Ende der 50er – Anfang der 60er Jahre wurde der Alkohol am Steuer als strafverschärfend gerechnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwei Jahre später begann der Krieg und auch mein Vater wurde eingezogen. Als dann alles vorüber und Vater wieder zu Hause war, begann er in Pistorf sein Geschäft aufzubauen. Wir handelten mit vielen Waren und ich absolvierte meine Lehre als Kaufmann. Jahre später übernahmen wir in St. Andrä ein Geschäft und bekamen auch eine Frächterei dazu. Ein alter Militärlastwagen diente uns als Transportmittel. Die Hauptstraßen waren zu jener Zeit schon etwas besser befestigt, aber Zustellungen in die Gräben oder auf den Demmerkogel forderten von uns und unserem LKW einiges ab. Die Schneeketten wurden im Sommer weit öfter benötigt als im Winter. Auf den lehmigen Wegen kam man ohne sie nicht einmal bei Trockenheit voran, geschweige dann erst bei Regen. Viele Male mussten wir unseren Lastwagen bei einem Gewitter abstellen, zu Fuß nach Hause marschieren und am nächsten Tag, wenn es trocken war, wieder holen. Im Winter gab es bis Graz hinauf eine Schneefahrbahn und viele Gegenden in unserer Region waren mit dem LKW gar nicht zu erreichen.

 

 Im Jahre 1959 führte mich die Liebe zu meiner Frau nach Heimschuh. Sie war die Tochter vom damaligen Gasthaus Loibner und wir beschlossen im Betrieb meiner Schwiegereltern zu bleiben. Viel wurde gearbeitet und gebaut. Es war eine Zeit, in der man mit Fleiß und Einsatz sehr viel schaffen konnte. Am 15. August 1962 haben wir dann mit der Tankstelle begonnen, die für die kommenden Jahrzehnte auch die Grundlage unserer Existenz bildete. Auch aus diesen Jahren gäbe es viele Geschichten zu erzählen, aber jene eine aus meiner Kindheit hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt.

 

 Mir tun heute noch die beiden Rösser leid, die auf Grund der Trunkenheit ihr Leben lassen mussten. Das und dieses milde Urteil sorgten wohl dafür, dass ich diese Geschichte niemals vergessen habe.

 

 

 

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