„Bettlerbua und Habenichts“

01In der Pension sein Leben zu genießen und die Früchte eines arbeitsreichen Lebens zu ernten, ist wohl für Viele ein erstrebenswertes Ziel. Dabei sieht man oft mit einem gewissen Neid auf jene, die dies bereits geschafft haben, ohne deren entbehrungsreiches Leben bis dorthin zu kennen. Wir trafen uns in Tillmitsch mit Josef und Ludmilla Temmer (geb. 1921 und 1922), um uns von ihnen ihren steinigen Weg bis zum wohlverdienten Ruhestand erzählen zu lassen.

  „Ich bin in Gralla auf die Welt gekommen“, beginnt Herr Temmer seine Geschichte. „Ich hatte noch drei Geschwister und leider Gottes sorgte unser Vater dafür, dass wir unsere kleine Landwirtschaft verloren. Der Hunger war ein ständiger Begleiter und weil einfach nichts da war, kam ich im achten Lebensjahr als „Holtabua“ (Kuhhirte) zu einem Bauern nach Bachsdorf. Dort gab es zwar ausreichend Essen, aber man kann sich vorstellen, was es für einen Achtjährigen heißt, seine Familie zu verlassen und bei fremden Menschen zu leben. Spätestens um halb Sechs musste ich aufstehen, die Kühe versorgen, sie striegeln und auf die Weide treiben. Erst wenn das erledigt war, konnte ich wieder nach Gralla in die Schule laufen. Danach ging die Arbeit sofort weiter. Vom Holzhacken über das Einkochen der Erdäpfl für die Sau bis zum Stallausmisten reichten meine täglichen Aufgaben. Geschlafen habe ich im Sommer auf dem Heuboden und im Winter im Stall. Ich hatte gerade einmal zwei Decken – eine zum Draufliegen und eine zum Zudecken. Meine Mutter, sie lebte zu jener Zeit schon vom Vater getrennt, sah ich nur alle paar Wochen, wenn ich in ein paar freien Stunden zu ihr ging. Auch sie hatte nur mehr ein armseliges Stüberl und musste für Unterkunft und Essen schwer arbeiten. Nach meiner Schulzeit wurde ich zum Knecht, aber auch das änderte an meinen Umständen wenig. Ich schlief immer noch im Stall und bekam vom Bauern gerade einmal 10,- Schilling im Monat. Ein paar Schuhe kosteten damals schon 12 oder 14 Schillinge und so konnte weder ich große Sprünge machen noch meiner Mutter irgendwie helfen.

 

Mit 17 Jahren konnte ich dann endlich eine Lehre als Zimmermann beginnen. Ich zog wieder zu meiner Mutter und auch da reichten mein Einkommen und ihre paar Groschen gerade zum Überleben. Damals arbeitete ich auf einer großen Baustelle in Graz, was bedeutete, dass ich täglich zwei Stunden mit dem Fahrrad zu meiner Arbeitsstelle und nach 10 – 12 Stunden am Bau wieder ebenso lang nach Hause fuhr. Oftmals schmerzte der Bauch vor lauter Hunger, und wenn ich abends in den Speisekasten schaute, wusste ich, dass ich jetzt nichts essen darf, denn sonst habe ich morgen wieder nichts.“

„Ich wuchs als Tochter eines großen Bauern in viel besseren Verhältnissen auf“, erzählt nund Frau Temmer. „Vater führte ein strenges Regiment, aber es hat uns an nichts gefehlt, und nachdem ich die Schule beendet hatte, durfte ich auch eine Lehre als Verkäuferin in Leibnitz machen. Es war das damals größte Geschäft der Untersteiermark und ich bin auch viele Jahre nach meinem Lehrabschluss noch dort geblieben. Josef lernte ich noch vor dem Krieg kennen und es war keine leichte Zeit für uns. Meine Eltern wollten diese Beziehung nicht, da er ja nicht unserem Stand entsprach, und andauernd musste ich mir zuhause anhören, was ich mit diesem Bettlabua und Habenichts eigentlich will. Doch auch ich konnte meinen Willen durchsetzen und ließ von ihm einfach nicht ab. Im Jahre 1940 musste er einrücken und kam zur Marine. Jeden Tag habe ich ihm einen Brief geschrieben und hin und wieder schrieb er auch zurück. Manchesmal kam er auf  Urlaub nach Hause und im Jahre 44 haben wir dann geheiratet. Die Hochzeit richteten wir bei uns am Hof aus und Josef bekam dafür einige Tage Heiratsurlaub.“

 

 

 

„Als der Krieg vorbei war“, erzählt Herr Temmer weiter, „marschierte ich vom Norden Deutschland zu Fuß nach Hause. Sechs Wochen war ich unterwegs und rund 1 200 Kilometer legte ich zurück. Jetzt konnten wir endlich gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten. Wir wohnten bei den Schwiegereltern. Auf dem Hof hatten wir eine schlichte Kammer mit einem Betonboden und auch der Hausbrunnen befand sich im selben Zimmer und war einfach mit ein paar Holzblanken abgedeckt. Ich begann wieder als Zimmermann zu arbeiten und nach einiger Zeit konnte meine Frau eine kleine Dorfgreißlerei in Tillmitsch übernehmen.“

 

 

 

„Es gab damals nur das Nötigste“, erzählt Ludmilla weiter. „Alles ging über Bezugsscheine. Mehl, Grieß und viele andere Lebensmittel wurden offen ausgegeben und erst von uns in Papiersäcke abgefüllt. Später beschlossen wir dann, im Ort ein neues Geschäftslokal zu bauen, und unter vielen Entbehrungen brachten wir das nötige Geld dafür auf. Unsere Waren kamen damals von einem Zentrallager in Leibnitz und wurden mit dem Fuhrwerk von uns abgeholt. Im Oktober 1953 bezogen wir unser neues Geschäft und auch die Wohnung, die wir für uns mitgebaut hatten, und im Mai 1954 ging sprichwörtlich alles den Bach hinunter.“

 

 

 

„Den Baugrund in der Nähe der Laßnitz haben wir vom Schwiegervater“, erzählt Josef weiter, und der bestätigte mir auch, dass es dort noch nie eine Überschwemmung gegeben hat, eben bis zu jenem Jahr. „Ich erinnere mich noch genau daran, dass um 11 Uhr am Abend der Bach noch ganz normal war, und um Mitternacht schoss das Wasser bei den Fenstern herein. Uns blieb nichts anderes übrig als am Dachboden zu sitzen und zuzuschauen, wie die Laßnitz unser Haus ausräumte und alles mit sich riss, was nicht niet- und nagelfest war. Wieder standen wir buchstäblich mit nichts da. Alle Produkte waren vernichtet und auch die Böden und die Einrichtung zerstört. Mit viel Mühen richteten wir alles wieder her und dank der Unterstützung unseres Lieferanten konnten wir das Geschäft weiterführen. Die Hochwasser blieben uns erhalten und der Grund dafür lag darin, dass die Regulierung der Laßnitz von oben nach unten erfolgte und nicht umgekehrt. Alle zwei Jahre konnten wir damit rechnen, und auch als wir unser Gasthaus dazunahmen, mussten wir ständig die Einrichtung abbauen, die Wände vom Schimmel befreien und die Böden austauschen. Für unsere Kinder waren die Hochwässer ein großer Spaß. Sie sprangen vom Balkon in das Wasser, ließen sich ein Stück mittreiben und kletterten am Ortsende wieder an das Ufer. Für uns war es jedes Mal eine Katastrophe und die Überflutungen endeten erst, als die Regulierung abgeschlossen war. Langsam und stetig ging es mit unserem Betrieb bergauf. Es vergingen Jahrzehnte bis auch meine Schwiegereltern mich in der Familie akzeptierten.

 

 

 

Heute genießen wir beide unseren Ruhestand, wobei auch das mit viel Arbeit verbunden ist“, erzählt Josef mit lachendem Gesicht. „Die Gartenarbeit hat mir immer viel Freude bereitet und auch heute versorge ich die Familien meiner Kinder mit allem was im Garten so wächst. Einzig die „Kloastang“ (Lochgräberstange) für das Lochmachen der Bohnenstecken ist mir mit meinen 92 Jahren schon ein bisschen zu schwer.

 

 

 

Viel haben wir gemeinsam geleistet und noch viel mehr erlebt. Wir beide sind stolz darauf, dass es dem „Bettlabua und Habenichts“ und der Großbauerntochter durch harte Arbeit und vielen Entbehrungen gelungen ist, einen erfolgreichen Betrieb aufzubauen, um unseren Kindern eine gesicherte Zukunft zu bieten.“

Veröffentlicht unter Geschichten