12 lange Jahre

Lamprecht 2

In Fötschach durfte ich mich mit Anton Lamprecht, dem Wiesenschneider Toni, unterhalten und von ihm eine berührende Geschichte über Krieg, Angst, Not und seinen Schutzengel hören. Der 1918 geborene pensionierte Landwirt erzählte mir Erinnerungen aus seiner Kindheit und an ein beinahe 12 Jahre dauerndes Martyrium.

 

Ich wurde am Morgitsch-Hof, dem Bauernhof meiner Eltern, geboren und besuchte in Leutschach die Schule. Die Zeiten waren schlecht und sofort nach der Schulzeit musste ich schauen, wo ich mein Auskommen fand, denn am elterlichen Hof gab es für uns alle nicht genug. Die Arbeitssituation war mehr als schlecht, aber ich hatte das Glück, mir mit dem Rigolen (eine spezielle Umgrabetechnik zur Beseitigen von Verdichtungen und Staunässe im Untergrund) von Weingärten etwas Geld zu verdienen. Die steilen Weinhänge wurden Reihe um Reihe übergraben; die Furchen, in denen wir schufteten, nannte man Schanzen. Schon in der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg zu meiner Schanze und wenn die ersten Sonnenstrahlen hervortraten, gruben und schaufelten wir bereits. Der Arbeitstag endete, wenn es finster war. Für diesen Dienst erhielt ich 70 Groschen pro Tag. Nur zum Vergleich: Ein Liter Wein kostete damals einen Schilling, das heißt, ich musste mich beinahe 1 ½ Tag schinden, damit ich mir diesen leisten konnte. Trotz allem war ich froh, überhaupt eine Arbeit zu haben, denn die Zeiten wurden zusehends schlechter. Es war auch jene Zeit, als aus den Städten die Menschen auf das Land kamen und bei den Bauern um ein Stück Brot und einen Schluck Most bettelten, weil weder Arbeit noch Geld vorhanden waren. Aber auch am Land gab es nicht viel und besonders schlimm war es für jene, die krank waren oder schon zu alt zum Arbeiten. Die Knechte und Mägde wurden von Hof zu Hof gereicht und mussten als Einleger ein kärgliches Dasein fristen. Krankheiten und Verletzungen heilten entweder aus oder man blieb auf der Strecke, denn einen Arzt oder ein Medikament konnte sich niemand leisten.

Im Herbst 1938 wurde ich zum Arbeitsdienst eingezogen und als ich 1939 damit fertig war, folgte meine Einberufung zum Heer. Damals kam sonntags noch die Post und als ich nach der Kirche meinen Einberufungsbefehl erhielt, machte ich mich mit ein paar Freunden auf zu einem Buschenschank. Den Rock meines neuen Anzugs hängte ich über den Stuhl und als ich einige Zeit später wieder danach schaute, war der samt dem Befehl gestohlen. Natürlich musste ich das melden und wurde auch zu diesem Fall verhört. Dann gab es die Möglichkeit, sich freiwillig zur Grenzpolizei zu melden und ich dachte mir, dass dies ein guter Beruf sei und ich mir so das Militär erspare. Mein Vater musste für mich geradestehen, da ich ja noch nicht 21 Jahre alt war und so kam ich zur Musterung. Leider kam aber nur der Jahrgang 1917 zur Polizei und alle, die ein Jahr jünger waren, zum Heer. Dann begann meine Reise durch Europa und Gott sei Dank hatte ich immer einen Schutzengel an meiner Seite, denn sonst wäre ich nicht mehr heimgekehrt. Mein erster Einsatz führte mich nach Frankreich, wo ich auch alsbald am Oberschenkel verwundet wurde. Dann war ich einige Zeit in Holland stationiert und von dort ging es über Rumänien nach Belgrad. Weiter ging es über Linz und Wien nach Polen und von dort Richtung Russland. Wir waren am Fluss Bug stationiert, wo wir auf der Brücke Tauschgeschäfte mit den Russen machten. Wir bekamen zügeweise Getreide und lieferten dafür ebenfalls zügeweise Panzerabwehrkanonen. Damals bestand noch ein Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin, aber bereits kurze Zeit später sollten wir unsere Lieferungen mit voller Wucht wieder zurückbekommen, denn am 22. Juni 1941 brach Hitler mit dem Überfall auf die Sowjetunion diesen Pakt.

 

Wir marschierten Richtung Russland und ich war leider an vorderster Front. Als wir mit einem kleinen Trupp eine Brücke überquerten, wurde diese in jenem Augenblick gesprengt und wieder sorgte mein Schutzengel dafür, dass mir nichts passierte. Wir waren von unserer Kompanie abgeschnitten und hatten die feindlichen Truppen vor uns. Erst einen Tag später waren wir wieder vereint. Ein weiteres kleines Wunder passierte mir in einer Stellung. Wir waren unter schwerem Feindbeschuss und konnten nicht aus unserem Bunker heraus. Als gegen Mitternacht das Feuer endlich nachließ, gingen mein Kamerad und ich ins Freie. Vor dem Ausgang drehte ich mich noch einmal um, weil ich etwas vergessen hatte, und in diesem Moment schlug eine Granate vor unserem Bunker ein. Mein Kamerad verlor sein Leben, zum Trauern blieb keine Zeit, denn der Krieg ging weiter. Wenige Kilometer vor Moskau erwischte es dann auch mich und wieder sorgte „der da oben“ dafür, dass ich überlebt habe. Durch meine Verwundung kam ich mit einem Lazarettzug an die französische Grenze und später für eine Operation nach Graz. Mein Bein war unbeweglich, aber trotz allem wurde ich nicht aus dem Dienst entlassen. Ich kam als Waffenmeister nach Lettland und später nach Polen, wo wir als Schutztruppe eingesetzt wurden. Da die Front immer näher kam, versetzte man uns nach Ungarn und als der Krieg am 8. Mai 1945 endlich vorbei war, versuchte sich jeder nach Hause durchzuschlagen. Ich fuhr in einem zivilen Lastwagen mit, als wir in einem Waldstück gestoppt wurden. Ich bat eine Frau, mich mit Decken und Kleidungsstücken zu bedecken und hatte das Glück, nicht mit meiner Uniform von den Partisanen entdeckt zu werden. Am 12. Mai wurde aber auch ich gefangengenommen und eine neuerliche Reise begann.

 

Zuerst kam ich nach Brünn und später nach Budapest. Am 22. Mai, meinem Geburtstag, wurden wir in Viehwaggons geladen und auf eine mehrwöchige Reise geschickt. Unsere Kost bestand aus eingesalzenem Rindfleisch und Wasser gab es so gut wie keines. Für unsere Notdurft gab es inmitten des Waggons ein Loch. In meiner Gefangenschaft arbeitete ich beim Städtebau, auf Kolchosen und beim Straßen-, Eisenbahn- und Kanalbau. Fast fünf Jahre war ich in Russland und kein einziges Stück Fleisch habe ich in dieser Zeit gegessen, aber 600g Brot haben wir jeden Tag bekommen. Erst im Dezember 1949, also beinahe nach 12 Jahren, kam ich wieder nach Hause.

 

Das Leben ging weiter, es wurde gearbeitet, geheiratet und meine Kinder kamen auf die Welt. Wenn ich Menschen darüber jammern höre, wie schwer die Zeiten heute sind und wie schlecht es allen geht, so erinnere ich mich an jene Zeit zurück, als es wirklich täglich ums Überleben ging. Mein Schutzengel hat mich nie im Stich gelassen: nicht im Krieg und auch nicht, als Sorgen und Krankheiten mir zu schaffen machten. Und wenn ich Glück habe, tut er das auch noch die nächsten Jahre nicht.

Veröffentlicht unter Geschichten