Die schwari Beicht

Hergottswinkel

Die Loamsira Juli mit ihre 87 Joahr,

hot ihr Lebtog hoat goabat umd es is no net goar.

Noch heit hülft sie fleissi umd naht oft a Gwoumd,

als Schneiderin umd olti Jungfrau is sie weitum bekoummt.

 

Am Summtog, do springt sie zur Friahmess gern hin,

owa heit is wos oumnascht, sie hot wos im Sinn.

Goumz fatattat geht sie zan Pfoarra, glei nochʼn Segn,

umd sogt sie miassat im Beichtstuhl wos redn.

 

Aber Juli, sogt Hochwürden, ein braver Mensch wie du,

hat doch nichts zu beichten, also wo drückt der Schuh?

A olti Gschicht, Herr Pfoarra, sie druckt schoa a Wal,

drum mecht is hiaz beichtn wegn mein Sellnhal. Weiterlesen ›

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Geschichten vom Altenbacherhof

Kellergang beim Altenbacher

Am Eingang zur Altenbachklamm, in der Gemeinde Oberhaag, durfte ich mich mit Johann Stelzl, geboren 1952, dem Altenbacher Hans, über einige seiner Kindheitserinnerungen an seinen Stiefvater Franz Stelzl und auch darüber, wie einige seiner Geschichten das Leben von Hans prägten, unterhalten.

 

Geboren wurde ich in Oberfahrenbach, aber weil Vater und Mutter sich trennten, kam ich samt Mutter und meinen Geschwistern im Alter von vier Jahren hierher zum Altenbacher. Über Vermittlung des Viehhändlers vulgo Ligot fanden meine Eltern zueinander und was für beide als Zweckehe begann, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer echten und innigen Liebe.

 

Mein Vater, ich nannte meinen Stiefvater immer so, war ein großer Bauer, aber auch ein begnadeter Koch. Oft erzählte er mir, dass er am liebsten Koch gelernt hätte, dies aber zur damaligen Zeit (er wurde 1909 geboren) für einen Bauernsohn undenkbar war, denn seine Bestimmung war der Hof. Von klein auf litt er an einem Herzleiden und obwohl er ein sehr fleißiger Mann war, musste er mit seinen Kräften sehr haushalten. Seine große Leidenschaft war das Erzählen von Geschichten und stundenlang lauschten wir Kinder seinen Erzählungen. Aber auch sein Leben war voll von kleinen Geschichten; einige davon sind mir nur allzu gut in Erinnerung geblieben. Weiterlesen ›

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12 lange Jahre

Lamprecht 2

In Fötschach durfte ich mich mit Anton Lamprecht, dem Wiesenschneider Toni, unterhalten und von ihm eine berührende Geschichte über Krieg, Angst, Not und seinen Schutzengel hören. Der 1918 geborene pensionierte Landwirt erzählte mir Erinnerungen aus seiner Kindheit und an ein beinahe 12 Jahre dauerndes Martyrium.

 

Ich wurde am Morgitsch-Hof, dem Bauernhof meiner Eltern, geboren und besuchte in Leutschach die Schule. Die Zeiten waren schlecht und sofort nach der Schulzeit musste ich schauen, wo ich mein Auskommen fand, denn am elterlichen Hof gab es für uns alle nicht genug. Die Arbeitssituation war mehr als schlecht, aber ich hatte das Glück, mir mit dem Rigolen (eine spezielle Umgrabetechnik zur Beseitigen von Verdichtungen und Staunässe im Untergrund) von Weingärten etwas Geld zu verdienen. Die steilen Weinhänge wurden Reihe um Reihe übergraben; die Furchen, in denen wir schufteten, nannte man Schanzen. Schon in der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg zu meiner Schanze und wenn die ersten Sonnenstrahlen hervortraten, gruben und schaufelten wir bereits. Der Arbeitstag endete, wenn es finster war. Für diesen Dienst erhielt ich 70 Groschen pro Tag. Nur zum Vergleich: Ein Liter Wein kostete damals einen Schilling, das heißt, ich musste mich beinahe 1 ½ Tag schinden, damit ich mir diesen leisten konnte. Trotz allem war ich froh, überhaupt eine Arbeit zu haben, denn die Zeiten wurden zusehends schlechter. Es war auch jene Zeit, als aus den Städten die Menschen auf das Land kamen und bei den Bauern um ein Stück Brot und einen Schluck Most bettelten, weil weder Arbeit noch Geld vorhanden waren. Aber auch am Land gab es nicht viel und besonders schlimm war es für jene, die krank waren oder schon zu alt zum Arbeiten. Die Knechte und Mägde wurden von Hof zu Hof gereicht und mussten als Einleger ein kärgliches Dasein fristen. Krankheiten und Verletzungen heilten entweder aus oder man blieb auf der Strecke, denn einen Arzt oder ein Medikament konnte sich niemand leisten. Weiterlesen ›

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„Wenns passt, nur geha“

Hartinger

In Heimschuh hatten wir das Vergnügen, uns mit Frau Ida Hartinger, geboren 1920, zu unterhalten. Sie erzählt uns jene kleine Geschichte, die ihr Leben ausmacht, und wie sie in schwierigen Zeiten dank ihres Fleißes und der Ratschläge ihres Onkels den richtigen Weg für sich fand.

 

Ich wurde am 1. April 1920 als erstes von vier Kindern in Unterfahrenbach auf der Wirtschaft Kumpfmüller geboren. Ich hatte drei Brüder, meine Eltern arbeiteten in der Landwirtschaft mit zwei Weingärten, einem in Schönegg und einem in Fahrenbach. Mein Großvater war gelernter Müller und so stellte die Mühle auch einen wichtigen Teil unseres Einkommens dar. Neben dem Mahlen von Getreide wurde bei uns auch Kürbiskernöl gepresst. Ich hatte keine schöne Kindheit und das alles hing auch unmittelbar damit zusammen, dass meine Mutter krank war. Es begann damit, ich war noch ein kleines Kind, dass bei uns am Hof ein Rindvieh krank wurde. Der Bauernschmidt aus Heimschuh war ein Spezialist, wenn es um Viehkrankheiten ging, und dieser wurde geholt. Ich weiß zwar nicht mehr warum, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich im Mühlenstüberl am Abend schlafen gelegt und wollte dann doch in der Nacht heimgehen. Es war Winter und in der Finsternis ist er vom Weg abgekommen, in die Sulm gefallen und dort, an Sträucher geklammert, erfroren. Am nächsten Morgen sind die Leute alle schauen gegangen, so auch meine Mutter. Dabei hat sie sich so verkühlt, dass sie die Grippe bekommen hat und von da an halbseitig gelähmt blieb. Wenn sie ging, hat sie sich dermaßen verkrampft, dass sie immer wieder hingefallen ist, und so blieben fortan viele ihrer Arbeiten an mir, dem ältesten Kind, hängen. Meine Mutter war eine große Verehrerin der Mutter Gottes vom Frauenberg. Mehrmals im Jahr hat mein Bruder Franz sie zu Fuß nach Frauenberg geführt und obwohl es für sie eine unsagbare Anstrengung war und viele Schmerzen bedeutete, hat dies bei ihr sehr viel gegolten. Weiterlesen ›

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„Aber mein Hans – der kann´s“

Großvater-Küche

„Mancher lernt’s nie, des Foahn mit die Schi, aber mein Hans der kann’s“. Ob Hans Kaiser (1914–1990) aus St. Nikolai im Sausal ein begnadeter Schifahrer war, wissen wir nicht mehr so genau, aber auf jeden Fall erzählt uns seine Frau Maria Kaiser, geboren 1919, mit viel Begeisterung davon, was ihr Hans denn so alles konnte.

 

„Ich kam in Eibiswald auf die Welt und übersiedelte im Alter von 12 Jahren hierher in die Gemeinde St. Nikolai zu meinen Großeltern. Hier lernte ich später, so zwischen der Christenlehr, dem Woazschöln und dem sonntätigen Kirchengang, meinen späteren Mann Hans kennen; 1939 haben wir geheiratet. Hans war ein Tausendsassa, konnte so gut wie alles und das, obwohl er nie wirklich einen Beruf erlernt hatte. Wir waren Bauern und hatten neben einer Vielzahl von Tieren noch einen Weingarten und einen Tabakacker. Mein Gatte war von jeher ein sehr guter Schüler und bereits in jungen Jahren kristallisierte sich sein musikalisches Talent heraus. Schon mit 12 Jahren erlernte er das Spiel auf der Kirchenorgel und diese Aufgabe sollte ihn auch die folgenden 60 Jahre in Beschlag nehmen. Weiterlesen ›

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„Votas Zeiten“

Trobi-Strohmeier

In Oberfahrenbach erzählte mir Erwin Strohmeier, der Seniorchef des Buschenschanks Trobi, seine Erinnerungen an Votas Zeiten. Wir sprachen über den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten 60 Jahre, darüber, wie er dies als Kind erlebt hat und welchen Beitrag er dazu leistete.

 

„Wir waren eine Großfamilie und ich das mittlere von sieben Kindern“, begann Erwin seine Geschichte. „Unsere Wirtschaft gehörte zu den größeren hier am Berg und dementsprechend viel gab es auch über das Jahr zu tun. Wir waren reine Selbstversorger und auch Magd und Knecht waren bei uns am Hof. Schon als Kinder hatten wir unsere zugeteilten Aufgaben. So mussten wir mit dem Vieh und für das Vieh arbeiten, Mais, Kürbis und Erdäpfel anbauen und hauen, das Heu ernten, die Schweine füttern und vieles mehr. All dies war für uns ganz selbstverständlich, denn wenn wir nach anderthalb Stunden Schulweg nach Hause kamen, wartete nicht nur das Essen auf uns, sondern auch die Arbeit. Die Hausaufgaben wurden am Abend erledigt und auch für das miteinander Spielen blieb immer genug Zeit übrig. Dies alles passierte aber nicht nur bei meinem Heimathaus, sondern zeitweise auch in Heimschuh. Weiterlesen ›

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Gearbeitet, gespart und gebetet.

Spinnrad

Viele Dinge begleiten uns ein Leben lang, manche geraten zwischenzeitlich in Vergessenheit und werden oft Jahrzehnte später wiederentdeckt. Eine solche Geschichte erzählte uns Frau Ludmilla Stiegler, geboren 1936, aus Haslach. Für sie wurde aus einer früheren Notwendigkeit, dem Spinnen der Wolle, Jahre später eine vielgeliebte Freizeitbeschäftigung.

 

Ich wurde in Untergreith geboren und war das letzte von acht Kindern, beginnt Frau Stiegler ihre Erzählung. Wir hatten einen großen Bauernhof mit rund 50 Joch, aber da beinahe alles eine Riegelwirtschaft war und wir nur knapp 5 Joch auf der Ebene hatten, musste hart gearbeitet werden, um das Lebensnotwendige zu erwirtschaften. Sieben Brüder gingen mir voraus und als dann ich das Licht der Welt erblickte, war die Freude bei meinen Eltern über ihr erstes Mädchen groß. So groß, wie manche behaupten, dass Vater nahe unserem Hof eine kleine Kapelle errichtete. Als ich drei Jahre alt war, begann der Krieg und Vater musste zur Grenzwache einrücken. Nach rund einem Jahr zog er sich im Dienst solche Erfrierungen an beiden Beinen zu, dass er, durch die Frostbeulen, in keinen Schuh mehr hinein passte und so wurde er freigestellt und nach Hause geschickt. Weiterlesen ›

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Gestern noch

Gestern noch woas Leb’n ganz andascht, wos zöhlt hot woa da Sterz am Tisch. Hots Joah guat passt, dann woas zan gfrei’n – hot koana miassn Hunga leid’n. Fia olli woas a schwares Los, fia wos ma g’lebt hot, hot ma gschofft, hot gheat aufs Land, taun noch seim Sinn – dafia woa wos im Kölla drin.

Gestern noch woas Leb’n vül schena, des Miteinander gamz wos gscheits, woa die Stund dann do fia Gsöllichkeit – san olli kemm mit muats a Freid. Die Oarbat hot sen zammangschwoasst, aloa woa koana stoark, hom zamman sana Zeit vabrocht – hom gred mitnand, hom gread und glocht.

Gestern noch woas Leb’n a leichta, woan vüli Johagäng auf oan Hof, die oan hom pflanzt, des Land bebaut – die Oltn auf die Kinda gschaut. A jeda hot sein Plotz duat ghobt, sei Pflicht, sein Sinn im Leben, so Vüles hots noch gem zan toa – umd wuascht wia old, woast nia aloa.

Gestern noch woas Herz vül freia, hot fliagn kinnt ganz unbeschwert, domols woa die Wölt zan huln – erst später kummt des „hob’n wulln“. Valoan is goung der kindlich Geist, stottdessen muaß mit Kopf i leben. Nur manches Mol, ba mancher Soch – fühl i so frei, wia gestern noch.

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Karl Oswald und seine Geschichten

Karl Oswald, unser Herausgeber von …der steirer Land…, kann im Herbst gleich mit zwei neuen Meisterwerken aufwarten. In seinen beiden neuen Büchern geht es wieder darum, Geschichten zu erzählen. Mit „Gestern noch…“ bewahrt Oswald Erzählungen und Arbeiten, die noch gar nicht so lange her, die aber heute in Vergessenheit geraten sind, und mit „Hoamweh“ verleiht er seiner Beziehung zu unserer Heimat und den Menschen, die darin leben, auf humorvolle und besinnliche Weise Ausdruck.

 

Gestern noch…

schwitzen – schrecken – lustig sein

Gestern noch waren Dinge und Tätigkeiten ganz selbstverständlich, die heute nur mehr von wenigen gekannt und gekonnt und die morgen bereits vergessen sein werden. Karl Oswald nimmt sich dieser einfachen Tätigkeiten, Werkzeuge und Arbeiten an und schreiben kleine Geschichten über das, was gestern noch war. Dabei wird über die Lebensumstände vor einigen Jahrzehnten ebenso berichtet wie über Berufe, die es heute nicht mehr gibt. Erinnern Sie sich noch an den Scherenschleifer, den Ranftlbinder oder den Zapfensteiger?

Auch der Spaß kommt dabei nicht zu kurz, denn mit dem Ursteirer „Roajiagl Stini“ kann Karl Oswald viele Lausbubengeschichten erzählen, die man ihm über die Jahre zugetragen hat, die er bis dato aber nicht aufschreiben durfte.

Gestern noch… ist ein humorvoller Ausflug zu den Lausbubenstreichen der Vor- und Nachkriegszeit, eine spannende Reise durch die Lebensgeschichten vieler Menschen und eine Sammlung von Tätigkeiten, Berufen und Werkzeugen, die noch vor kurzem jeder kannte, die aber heute schon beinahe vergessen sind.

 

Hoamweh

Do bin i her

Bereits seit Jahren schreibt Karl Oswald unter dem Pseudonym S. Taler Mundartgeschichten. In „Hoamweh“ hat er etliche seiner Gedichte zusammengefasst; in gereimter Form erzählt er lustige Geschichten, berührende Gedanken und Alltagsbegebenheiten. Die Mundartgedichte spiegeln seine Beziehung zur eigenen Heimat und seine Freude an den Menschen wider und werden Sie zum Lachen, aber auch zum Nachdenken bringen.

Hoamweh

Gestern noch

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„Bettlerbua und Habenichts“

01In der Pension sein Leben zu genießen und die Früchte eines arbeitsreichen Lebens zu ernten, ist wohl für Viele ein erstrebenswertes Ziel. Dabei sieht man oft mit einem gewissen Neid auf jene, die dies bereits geschafft haben, ohne deren entbehrungsreiches Leben bis dorthin zu kennen. Wir trafen uns in Tillmitsch mit Josef und Ludmilla Temmer (geb. 1921 und 1922), um uns von ihnen ihren steinigen Weg bis zum wohlverdienten Ruhestand erzählen zu lassen.

  „Ich bin in Gralla auf die Welt gekommen“, beginnt Herr Temmer seine Geschichte. „Ich hatte noch drei Geschwister und leider Gottes sorgte unser Vater dafür, dass wir unsere kleine Landwirtschaft verloren. Der Hunger war ein ständiger Begleiter und weil einfach nichts da war, kam ich im achten Lebensjahr als „Holtabua“ (Kuhhirte) zu einem Bauern nach Bachsdorf. Dort gab es zwar ausreichend Essen, aber man kann sich vorstellen, was es für einen Achtjährigen heißt, seine Familie zu verlassen und bei fremden Menschen zu leben. Spätestens um halb Sechs musste ich aufstehen, die Kühe versorgen, sie striegeln und auf die Weide treiben. Erst wenn das erledigt war, konnte ich wieder nach Gralla in die Schule laufen. Danach ging die Arbeit sofort weiter. Vom Holzhacken über das Einkochen der Erdäpfl für die Sau bis zum Stallausmisten reichten meine täglichen Aufgaben. Geschlafen habe ich im Sommer auf dem Heuboden und im Winter im Stall. Ich hatte gerade einmal zwei Decken – eine zum Draufliegen und eine zum Zudecken. Meine Mutter, sie lebte zu jener Zeit schon vom Vater getrennt, sah ich nur alle paar Wochen, wenn ich in ein paar freien Stunden zu ihr ging. Auch sie hatte nur mehr ein armseliges Stüberl und musste für Unterkunft und Essen schwer arbeiten. Nach meiner Schulzeit wurde ich zum Knecht, aber auch das änderte an meinen Umständen wenig. Ich schlief immer noch im Stall und bekam vom Bauern gerade einmal 10,- Schilling im Monat. Ein paar Schuhe kosteten damals schon 12 oder 14 Schillinge und so konnte weder ich große Sprünge machen noch meiner Mutter irgendwie helfen.

 

Mit 17 Jahren konnte ich dann endlich eine Lehre als Zimmermann beginnen. Ich zog wieder zu meiner Mutter und auch da reichten mein Einkommen und ihre paar Groschen gerade zum Überleben. Damals arbeitete ich auf einer großen Baustelle in Graz, was bedeutete, dass ich täglich zwei Stunden mit dem Fahrrad zu meiner Arbeitsstelle und nach 10 – 12 Stunden am Bau wieder ebenso lang nach Hause fuhr. Oftmals schmerzte der Bauch vor lauter Hunger, und wenn ich abends in den Speisekasten schaute, wusste ich, dass ich jetzt nichts essen darf, denn sonst habe ich morgen wieder nichts.“

„Ich wuchs als Tochter eines großen Bauern in viel besseren Verhältnissen auf“, erzählt nund Frau Temmer. „Vater führte ein strenges Regiment, aber es hat uns an nichts gefehlt, und nachdem ich die Schule beendet hatte, durfte ich auch eine Lehre als Verkäuferin in Leibnitz machen. Es war das damals größte Geschäft der Untersteiermark und ich bin auch viele Jahre nach meinem Lehrabschluss noch dort geblieben. Josef lernte ich noch vor dem Krieg kennen und es war keine leichte Zeit für uns. Meine Eltern wollten diese Beziehung nicht, da er ja nicht unserem Stand entsprach, und andauernd musste ich mir zuhause anhören, was ich mit diesem Bettlabua und Habenichts eigentlich will. Doch auch ich konnte meinen Willen durchsetzen und ließ von ihm einfach nicht ab. Im Jahre 1940 musste er einrücken und kam zur Marine. Jeden Tag habe ich ihm einen Brief geschrieben und hin und wieder schrieb er auch zurück. Manchesmal kam er auf  Urlaub nach Hause und im Jahre 44 haben wir dann geheiratet. Die Hochzeit richteten wir bei uns am Hof aus und Josef bekam dafür einige Tage Heiratsurlaub.“

 

 

 

„Als der Krieg vorbei war“, erzählt Herr Temmer weiter, „marschierte ich vom Norden Deutschland zu Fuß nach Hause. Sechs Wochen war ich unterwegs und rund 1 200 Kilometer legte ich zurück. Jetzt konnten wir endlich gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten. Wir wohnten bei den Schwiegereltern. Auf dem Hof hatten wir eine schlichte Kammer mit einem Betonboden und auch der Hausbrunnen befand sich im selben Zimmer und war einfach mit ein paar Holzblanken abgedeckt. Ich begann wieder als Zimmermann zu arbeiten und nach einiger Zeit konnte meine Frau eine kleine Dorfgreißlerei in Tillmitsch übernehmen.“

 

 

 

„Es gab damals nur das Nötigste“, erzählt Ludmilla weiter. „Alles ging über Bezugsscheine. Mehl, Grieß und viele andere Lebensmittel wurden offen ausgegeben und erst von uns in Papiersäcke abgefüllt. Später beschlossen wir dann, im Ort ein neues Geschäftslokal zu bauen, und unter vielen Entbehrungen brachten wir das nötige Geld dafür auf. Unsere Waren kamen damals von einem Zentrallager in Leibnitz und wurden mit dem Fuhrwerk von uns abgeholt. Im Oktober 1953 bezogen wir unser neues Geschäft und auch die Wohnung, die wir für uns mitgebaut hatten, und im Mai 1954 ging sprichwörtlich alles den Bach hinunter.“

 

 

 

„Den Baugrund in der Nähe der Laßnitz haben wir vom Schwiegervater“, erzählt Josef weiter, und der bestätigte mir auch, dass es dort noch nie eine Überschwemmung gegeben hat, eben bis zu jenem Jahr. „Ich erinnere mich noch genau daran, dass um 11 Uhr am Abend der Bach noch ganz normal war, und um Mitternacht schoss das Wasser bei den Fenstern herein. Uns blieb nichts anderes übrig als am Dachboden zu sitzen und zuzuschauen, wie die Laßnitz unser Haus ausräumte und alles mit sich riss, was nicht niet- und nagelfest war. Wieder standen wir buchstäblich mit nichts da. Alle Produkte waren vernichtet und auch die Böden und die Einrichtung zerstört. Mit viel Mühen richteten wir alles wieder her und dank der Unterstützung unseres Lieferanten konnten wir das Geschäft weiterführen. Die Hochwasser blieben uns erhalten und der Grund dafür lag darin, dass die Regulierung der Laßnitz von oben nach unten erfolgte und nicht umgekehrt. Alle zwei Jahre konnten wir damit rechnen, und auch als wir unser Gasthaus dazunahmen, mussten wir ständig die Einrichtung abbauen, die Wände vom Schimmel befreien und die Böden austauschen. Für unsere Kinder waren die Hochwässer ein großer Spaß. Sie sprangen vom Balkon in das Wasser, ließen sich ein Stück mittreiben und kletterten am Ortsende wieder an das Ufer. Für uns war es jedes Mal eine Katastrophe und die Überflutungen endeten erst, als die Regulierung abgeschlossen war. Langsam und stetig ging es mit unserem Betrieb bergauf. Es vergingen Jahrzehnte bis auch meine Schwiegereltern mich in der Familie akzeptierten.

 

 

 

Heute genießen wir beide unseren Ruhestand, wobei auch das mit viel Arbeit verbunden ist“, erzählt Josef mit lachendem Gesicht. „Die Gartenarbeit hat mir immer viel Freude bereitet und auch heute versorge ich die Familien meiner Kinder mit allem was im Garten so wächst. Einzig die „Kloastang“ (Lochgräberstange) für das Lochmachen der Bohnenstecken ist mir mit meinen 92 Jahren schon ein bisschen zu schwer.

 

 

 

Viel haben wir gemeinsam geleistet und noch viel mehr erlebt. Wir beide sind stolz darauf, dass es dem „Bettlabua und Habenichts“ und der Großbauerntochter durch harte Arbeit und vielen Entbehrungen gelungen ist, einen erfolgreichen Betrieb aufzubauen, um unseren Kindern eine gesicherte Zukunft zu bieten.“

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